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Bernard F.

Aus "Verführten" wurden Väter: Pädophilie aus sexualpolitischer Sicht

In: Angelo Leopardi (ed.), Der pädosexuelle Komplex, Berlin, Frankfurt (Main): Foerster, S.89-98, Interview S. 278-285 (1988)

[...]

[S. 89-90] Die brauchbarste ist diejenige Definition, die von der multidisziplinären "Arbeitsgruppe Pädophiie" des "Nationalen Zentrums für geistige Volksgesundheit" (Utrecht 1976) aufgestellt wurde, an der ich beteiligt war:

"Pädophilie ist diejenige menschliche Gegebenheit, die dadurch gekenzeichnet ist, daß die Tatsache, sich zu Kindern hingezogen zu fühlen, und zwar auch im sexuellen Sinne, als besonders bedeutsam erlebt wird.

Jeden, für den die Anziehungskraft eine derartig fundamentale Bedeutung besitzt, nennen wir pädophil, solange diese Anziehungskraft offenbar jenen Wert für ihn oder sie hat.

Eine pädophile Beziehung ist durch wechselseitige Gefühle der Anziehung zwischen einem jüngeren und einem älteren Individuum gekennzeichnet."

[...]

[S.91:] Das Thema "Kindersexualität und Pädophilie" hat mit lebendiger Wirklichkeit zu tun. Die Tatsache, daß es lange gedauert hat, ehe man zu empirischer Forschung auf diesem Gebiet überging, lag hauptsächlich an dem Umstand, daß man das Kind nicht als sexuelles Wesen sehen wollte, und sicher auch daran, daß wissenschafliche Ergebnisse nur dann willkommen sind, wenn sie zu Schlußfolgerungen führen, die mit der Ideologie derjenigen Gesellschaft identisch sind, in der sie erbracht werden. Der wissenschaftliche Forscher bringt sich selbst schon bald in eine schwierige Lage, wenn er eine Untersuchung in Sachen Kindersexualität und Pädophilie in Angriff nimmt, weil man fürchtet, daß er die gängigen vorstellungen unterminieren könnte. Man arbeitet dann lieber nicht mit objektiven Kriterien, sondern schlußfolgert auf emotionlaer Basis.

[...]

Meine Suche nach möglichen Schäden für den jüngeren Partner wurde zu Beginn der siebziger Jahre begonnen. Ich fasse mein Konzept und die Ergebnisse dieser Untersuchung hier kurz zusammen.

Um die Wirkung pädophiler Kontakte auf lange Sicht einschätzen zu können, habe ich eine Anzahl Erwachsener untersucht, die in ihrer Kindheit einen oder mehrere sexuelle Kontakte mit Erwachsenen gehabt hatten. Der Frageansatz lautete: Besitzen sexuelle Kontakte oder Beziehungen zwischen einem erwachsenen Mann bzw. einer Frau mit einem Jungen oder Mädchen nachteilige Folgen für daß Kind, und wenn ja: welcher Art sind diese? Die Untersuchung bestand aus einem "biographischen" und einem psychologischen Teil. Ich habe die damaligen Kinder, heute im Erwachsenenalter, beschreiben lassen, wie sie seinerzeit diese Kontakte erlebt hatten und wie sie heute, viele Jahre später, dazu stehen.

[S.92] Mittels der psychologischen Untersuchungsmethode wurde die psychologisch-emotionale Stabilität (neurotische und psycho-somatische Beschwerden), der Grad von Intro- und Extrovertiertheit und die Selbsterkenntnis bestimmt, und zwar mit Hilfe von objektiven Testmaßstaäben, wodurch es möglich wurde, die Ergebnisse mit dem niederländischen Durchschnitt zu vergleichen (Kontrollgruppe). Die konkrete Frage lautete hier: Haben Individuen, die als Kind sexuelle Erlebnisse mit Erwachsenen gehabt haben, durchschnittlich mehr psycho-neurotische und/oder funktionelle Beschwerden als der Durchschnitts-Niederländer? Wurden sie durch diese Handlungen etwa traumatisiert?

Die Schlußfolgerungen, die sich aus dieser Untersuchung aufdrängten, waren folgende:

Daß die Schädlichkeit der pädosexuellen Kontakte nicht erwiesen ist, geht auch aus anderen Untersuchungen hervor, wie z.B. aus denen von Bender und Blau, Augusta Rasmussen, David Finkelhor und Michael C. Baurmann.

[über den Speijer-Report]

Noch ein letztes Wort zur "Verführung": Der Psychiater Tolsma fand bei einer statistischen Untersuchung von 133 "Opfern", die von Homosexuellen kontaktiert worden waren, heraus, daß nur ein geringer Prozentsatz später homosexuell wurde. Dieser Prozentsatz deckte sich ungefähr mit dem Prozentsatz Homosexueller in unserer Gesellschaft.

Zur Persönlichkeitsstruktur pädophiler Menschen

Eine von mir durchgeführte Untersuchung, welche Kinder Interesse an sexuell gefärbten Kontakten mit Erwachsenen haben, ließ erkennen, daß dies meistens vollkommen "normale" Kinder sind, die überwiegend aus "normal" funktionierenden Familien stamme. Nur eine geringe Anzahl kam aus sogenanten "broken homes" (gestörten Familienverhältnissen). Die testpsychologische Überprüfung ergab keinen höheren Grad von psychischer Labilität. Auch die Verteilung der Intelligenzniveaus stimmte ungefähr mit der anderer Kinder überein.

[S. 97:] Daß im Zusammenhang mit den Beziehungen und Kontakten äußerst nachteilige Folgen auftreten können, geht aus der Praxis hervor. Die Reaktion der Eltern und der Umgebung kann sich sehr negativ auf das Kind auswirken. Es sind diese sekundären Folgen, mit denen ich mich nun befassen möchte. Einige Praxisfälle mögen den Themenkomplex verdeutlichen.

Ein Mann mittleren Alters kommt zu mir mit diffusen Beschwerden im die Sprechstunde. Er ist verheiratet, hat drei Kinder und arbeitet in einem Büro. Die Beziehung zu seiner Frau ist gut. Aus der Anamnese sind keine Besonderheiten erkennbar, jedenfalls nicht beim ersten Mal. Er ist in letzter Zeit angespannt und schnell müde. Beim Neurotizismus-Test erhält er einen hohen Ausschlag. Psychisch ist er also labil.

Die Ursache seines Zustandes ist rasch herausgefunden. Durch einen Pressebericht über eine Festnahme in einer "Sittlichkeitssache" geriet er außer Fassung. Er hat als kleiner Junge eine langdauernde und sehr glückliche, intime Beziehung mit einem älteren Mann unterhalten. Das war für ihn eine unvergleichbar schöne Zeit, bis eines Tages dieser Mann festgenommen wurde. Er selbst wurde als Zehnjähriger von der Polizei verhört. Dem langen Verhör war er nicht gewachsen. Der Ältere erhielt einige Jahre Gefängnis, und der Junge mußte nun ständig mit dem Gedanken leben: Ich habe ihn verraten!" Dieses Schuldgefühl ist mehr oder weniger immer noch wirksam. Es wurde noch verstärkt durch den Umstand, daß sein älterer Freund später im Gefängnis starb.

Das ist ein deutliches Beispiel von sekundärem Schaden. Nicht die sexuelle Beziehung selbst wirkte traumatisierend - im Gegenteil - sondern die sie begleitenden Umstände. Die primären Folgen des Kontaktes waren positiv.

Eine Frau erzählt folgendes: "Sie können es sich vielleicht nicht vorstellen, aber als ich 12 Jahre alt war, war ich schrecklich verliebt in einen fünfzigjährigen Mann, und er auch in mich. Eines Tages kamen meine Eltern dahinter, und die Polizei wurde eingeschaltet. Die Verhöre waren entsetzlich. Ich leugnete und leugnete immer wieder. Dann gab ich auf. Mein älterer Freund wurde festgenommen Ich habe das niemals vergessen können. Es war nicht gerecht, es hätte so eine schöne Erinnerung sein können. Ich bin verheiratet und habe vier Kinder. Ich hätte nichts dagegen, wenn auch sie Kontakte zu Älteren haben würden. Dieser Sache stehe ich positiv gegenüber."

Auch hier Schaden durch Gewalt, psychische Gewalt. Vieles von der Kontroverse, die zwischen den Autoren der beiden Lager "schädlich" versus "unschädlich" schwelt, wird hinfällig, wenn man die primären von den sekundären Folgen unterscheidet. Daß Mißverständnis gehört dann der Vergangenheit an.

Auffällig ist eigentlich, daß sich niemand wirklich Gedanken macht über das Schicksal der Kinder in den "Sittlichkeitsvergehen". Sie müssen entsprechend aussagen, damit der Fall abgeschlossen werden kann. Ihre Meinung ist nicht erwünscht; ihren Bedürfnissen wird in keiner Weise entsprochen. Die Haltung der Umgebung, der Gesellschaft, kann hier eine wirkliche Bedrohung für das Kind darstellen.

Zum Schluß darf ich hier vielleicht noch bemerken, daß ein polizeiliches Verhör, wie fachkundig und freundlich es auch durchgeführt werden mag, trotzdem traumatisierend wirken kann. Es werden intime Dinge besprochen, was für das betreffende Kind außerordentlich unangenehm sein kann. Der "Verrat", durch den der Ältere festgenommen werden kann, hat bei manchem Kind psychischen Schaden verursacht, der ein ganzes Leben nachwirkt. In meiner dreißigjährigen klinisch-psychologischen Praxis habe ich manchen Fall behandeln müssen, bei dem sekundäre Folgeerscheinungen festgestellt wurden. Immer wieder stellte sich heraus, daß in keinem Fall von primären Schäden die Rede sein konnte. Freiwillig eingegangene Kontakte, ohne Gewalt, sind im Wesen unschädlich. Kindesmißhandlung ist nicht die Domäne des Pädophilen. Das ist eine wichtige Feststellung, deren Verbreitung der Emanziation der Pädophilen ebenso wie der der Kinder dienlich ist.

Die Emanzipation der Pädophilen ist ein langer Weg

Im Gespräch mit dem Forscher Dr. Frits Bernard

Dr. Frits Bernard veröffentlichte zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten zum Thema Pädophilie und schrieb unter Pseudonym zwei pädophile Romane (deutsch beim Foerster Verlag): "Costa Brava" und "Verfolgte Minderheit". Er gilt international als einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Pädophilie bzw. Päderastie. Der Wissenschaftler nimmt im Rahmen eines Interviews zu einigen aktuellen Fragen Stellung.
Frage:
Seit wann forschen Sie auf dem Gebiet der Pädophilie?
Antwort:
Es ist schwer, genau den Anfang anzugeben. Mein Interesse an der Thematik entstand schon früh in meiner Jugend. [...] Nach 1969 kamen die größeren Untersuchungen u. a. im Rahmen des "Niederländischen Vereins für Sexualreform" (NVSH), worüber an verschiedenen Stellen in den Niederlanden und im Ausland publiziert worden ist. Übrigends bin ich dabei, mein über Jahrzehnte angesammeltes Material zu ordnen. Ich lernte in meinem Leben immerhin über tausend pädophile Erwachsene und zirka dreitausend Kinder und Jugendliche, die Kontakt zu Erwachsenen hatten, kennen.
Frage:
Wie würden sie den typische Pädophilen charakterisieren?
Antwort:
Ja, man sucht halt immer nach dem Prototyp. Auch ich habe am Anfang gedacht, man müßte mittels psychodiagnostischer Verfahren und psychologischer Tests typische Merkmale finden können. Die ältere psychiatrische Literatur machte auch Meldung von Abnormalitäten. Wer meine Bücher kennt, wird erfahren haben, daß ich letzten Endes zu der Schlußfolgerung gekommen bin, daßder Mensch mit pädophilen Gefühlen ein Mensch ist wie du und ich. Es gibt unter ihnen große und kleine, dicke und dünne, intelligente und weniger intelligente, überwiegend extrovertierte und überwiegend introvertierte usw. Kurz gefaßt, die Variabilität ist groß. Den Pädophilen gibt es nicht.
Frage:
Worin sehen Sie die größten Probleme eines Pädophilen?
Antwort:
Eine schwer zu beantwortende Frage, da ja pädophile Menschen sehr unterschiedlichsind und deshalb auch schon auf ihre Umgebung verschieden reagieren. Pädophile Menschen haben es nun einmal schwerer in unserer Gesellschaft als die sogenannten Normalen und können durch den Extra-Streß, den die dauernde Bedrohung ausmacht, in die Pathologie geraten. Nach meinen Untersuchungen entwickelt ein gewisser Prozentsatz ein Phänomen dauernder seelischer Anspannung. Hierüber habe ich schon 1975 in dem ärztlichen Fachblatt "Sexualmediain" ausführlich berichtet. Die Haltung der Gesellschaft dem Pädophilen gegenüber und die damit verbundene Rechtssprechung sind die größten Feinde. Vielleicht spielt auch die Tatsache eine wichtige Rolle, daß sich der Mensch im allgemeinen nicht leicht tut mit dem Phänomen der Sexualtität; [...]
Frage:
Wie ist es zu erklären, daß das Sexualstrafrecht für pädophile Hanlungen in der ganzen Welt unterschiedlich ist?
Antwort:
Wie unterschiedlich das Sittenstrafrecht ist, zeigt uns die große Übersicht, die man in Hirschfelds "Die Homosexualität des Mannes und des Weibes" findet, eines Buches, das zum ersten mal 1913 herausgegeben wurde. Seitdem hat sich doch einiges geändert, manches zum Guten, aber manches wurde für die Pädophilen auch schlechter. Noch niemand hat eine stichhaltige Antwort auf die Frage gefunden, warum das Sexualstrafrecht so unterschiedlich ist, auch Ford und Beach nicht. Wenn uns der Ursprung deutlich wäre, dann wären wir allerdings einen wichtigen Schritt weiter. Ich neige dazu, zu denken, daß es ein Scheinproblem ist; In Wirklichkeit ist die ganze Pädophilie nur zum Problem gemacht worden.[...]